Jeden Sonntag 11 Uhr Gottesdienst

Wenn der Eisblock brennt und die Kirche lebt …

Unmöglich, dass die paar Jesusanhänger nach seinem Tod je wieder „Feuer fangen“ würden! Und doch geschah es: an Pfingsten und zu ihrer eigenen Überraschung. Gewirkt vom Heiligen Geist, vergleichbar einem Lauffeuer, nicht zu stoppen bis ans Ende der Welt.
Heute scheint der Flächenbrand zu verlöschen. Da und dort Glutnester, aber nirgends „ein gewaltiger Sturm vom Himmel her“, der neu entfachen würde, was Christus als Feuer in die Welt gebracht hat. Geht uns der Geist aus? 

Der Heilige Geist ist eine schwierige Wirklichkeit. Theologen schreiben komplizierte Sätze über sein Wesen, Künstler malen weiße Tauben, Flammen, die wie Schwerter aussehen, oder einen dritten Mann zwischen Gott Vater und Sohn, der entweder beiden gleicht oder ganz jung und manchmal mädchenhaft aussieht. Hilft uns das weiter?

„Veni Sancte Spiritus - Komm, heiliger Geist!“ Die mystische Dichtung des Stephan Langton (um 1200) bestürmt den Geist, Verdorrtes zu beleben, Verwundetes zu heilen und die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Sie traut ihm alle Lebenskraft zu. Die Bibel, das Urdokument seines Wirkens, bezeugt, dass er bei der Initialzündung der Welt dabei war, dass er Propheten inspiriert hat und dass er nach Ostern den Jüngern half und hilft, eine neue Sprache zu finden, sich nicht korrumpieren zu lassen durch die Angst vor Macht und Gewalt. Er macht Mut, ins Unbekannte aufzubrechen, ohne Versicherungsschutz, ohne Rückfahrkarte ins Altvertraute.

Wenn wir heute um das "Feuer des Geistes" bitten - was müsste er für uns tun? Ich will ihn bitten um neuen Schwung für eine lahmende Kirche. Um neue Worte für Menschen, die anders ticken als noch vor 50 Jahren. Um die Bereitschaft, Brücken zu bauen über die tiefen Gräben in unseren Gemeinden und zwischen unseren Kirchen. Um gute Ideen, wie man anders leben kann in dieser Welt: solidarisch, mutig, erfüllt von liebevoller Sorge für Mensch und Tier. Ich möchte bitten, dass das Eis schmilzt, das über dem Evangelium zu liegen scheint, und auch das ach soo coole Eis moderner Selbstverwirklichung und Selbstgenügsamkeit.

"Wärme du, was kalt und hart", bittet das mittelalterliche Lied. Dass das möglich ist, feiern wir zu Pfingsten - nicht bloß in ungläubig staunender Erinnerung, sondern voll Hoffnung für heute.

Herzliche Grüße, Thomas Steinbacher